Gina Pietsch & Frauke Pietsch

Von den Leben die hellen, von den Toden die schnellen

Die große Brecht-Interpretin Gina Pietsch kommt mit ihrer Tochter Frauke Pietsch und ihrem Brecht-Programm „Von den Leben die hellen, von den Toden die schnellen“. Das Programm zum 70. Todestag Brechts am 14. August 2026 hat am 11. Juni Premiere in der Maigalerie der „jungen Welt“. Gina Pietsch schreibt über das Programm:

Wir singen vom Tod, weil es Brecht immer ums Leben ging. Unsere Überschrift enthält wichtige, gute Wünsche, die er im Gedicht „Orges Wunschliste“ seinem Jugendfreund Georg Pflanzelt, also Orge, in den Mund legt, am Anfang seines Todesjahres 1956, nach einem Leben, das man weiß Gott nicht einfach „hell“ nennen kann. Lange vorher hat er auch über seinen Tod nachgedacht, ohne Sentimentalität, auch über seinen Nachruf. Dem mit ihm befreundeten Pfarrer Karl Kleinschmidt rät er: Schreiben Sie nicht, dass Sie mich bewundern. Schreiben Sie, dass ich unbequem war und es auch nach meinem Tode zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.

Brechts Leben fiel in eine Zeit, in der viel gestorben wurde, in zweien, von seinem Land angezettelten Weltkriegen, 17 Millionen Menschen im Ersten, 75 Millionen im Zweiten, darunter Brechts Sohn Frank, der, als Luftjäger eingezogen, am 13.11.1943 im russischen Winter, in Porchow, Nordwestrussland, starb. Neben den Toden an Kriegen sterben die Leute in schlechten Zeiten an Armut, Kälte und Hunger, zerreißen auf offener Straße im Jahre 1919 in der Berliner Frankfurter Allee hungernde Menschen ein Pferd, das aus Schwäche zwar den Wagen nicht mehr ziehen kann, aber noch längst nicht gestorben ist. Brecht nimmt den Vorgang in schweren Zeiten, 1931, noch einmal auf in seinem großen Gedicht „Ein Pferd klagt an“, nach Grimms Märchen „Oh Falladah, die du hangest“. Aus Sorge, dass das nun mit Kriegen, und also Sterben durch Bomben, Hunger und Kälte, so weiter geht – auch unsere, derzeit besonders akute Sorge – warnte Brecht in einem mahnenden „Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller 1951 so: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“

1918 beobachtet der Dichter: „Im Frühjahr 1918 durchkämmte der kaiserliche General Ludendorff zum letzten Mal ganz Deutschland nach Menschenmaterial.“ Brechts dichterischer Kommentar dazu war in diesem Jahr seine sehr berühmte Legende vom toten Soldaten, für die er fast vom Augsburger Realgymnasium geflogen wäre. Das Thema war: Dulce et decorum est pro patriam mori, und alle bestätigten diesen Satz. Brecht aber schrieb: „Der Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden.“ Das Volk verliert jeden Krieg, wie er nach Hiroshima sagt, wo nur 1 Flugzeug mit 13 Mann Besatzung nötig war, um 200.000 Menschen sofort, 120.000 danach zu töten: Die Früchte des Wissens sind tödlich geworden. Das darf nie vergessen werden. Denn, seine Meinung, Der Tod ist zu nichts gut. Und, im Übrigen, wie seine Frau Helli und seine Tochter Barbara sagen, seine letzten Worte waren am 14. August 1956, um 23:45 Uhr: „Laßt mich in Ruhe!“.

 

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